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Das Internet
Das Beginn des Computerzeitalters machte sich auch bei mir bemerkbar. Mein Erster war ein Commodore VC 20, dann folgte ein C 64. Ganz stolz war ich auf
meinen “richtigen” Rechner, ein 386ger. Heute besitze ich einen mit einem AMD 400 Prozessor. Weil ein leistungsfähigerer nicht mehr auf das Motherboard passt, ist ein neuer Rechner in Planung.
Bereits mit dem C 64 und einem Modem machte ich die ersten Gehversuche im BTX . Die richtige Anbindung an das Internet erfolgte Mitte der 90ger Jahre.
Der Inhalt der aufgerufenen Seiten ist natürlich sehr von den Interessen des Einzelnen bestimmt und man entdeckt neue Gebiete. So auch bei mir.
Man entdeckt, dass es viele Angebote im Internet gibt, die sich auf Sex beziehen. Hier interessierten mich in erster Linie die schwulen Seiten. Mich erregten aber auch “normale” Pornoseiten mit heterosexuellen
Darstellungen, wenn auch ein gut gebauter, hübscher junger Mann
zu sehen war. Ich erinnere mich an diverse Pornohefte, die ich während meiner Jugendzeit in die Finger bekam, Ihre Auswahl war immer auf das Vorhandensein von Bildern mit sympatischen Jungs geprägt.
Also fing ich an, einschlägige Bilder und Videos zu sammeln. In Chats, die ich alsbald entdeckte, konnte man mit anderen tauschen. So kam mit der Zeit eine
ganz ansehnliche Menge zusammen.
Oft traf man die gleichen Leute in den einschlägigen Chats, irgendwann kannte man sich und den Geschmack des anderen. Man fing an, sich über seine Neigungen
zu unterhalten. Viele, mit denen ich sprach, lebten ihre “andere” Sexualität genau wie ich nur im Internet aus. Sie hatten Angst davor, als schwul zu gelten oder Angst vor der Gesellschaft, die auch heute noch
meint, Schwule seien einfach nur “krank”.
“Schwulsein” ist seit vielen Jahren aus dem Katalog der Krankheiten gestrichen. Aber die mangelnde Informationsbereitschaft und die immernoch sensationslüsternden Medien mit ihren oft volksverdummenden Veröffentlichungen tragen immer wieder dazu bei, Schwule zu diskreminieren. Eine Wende ist aber erkennbar. Seitdem sich auch Menschen als schwul outen, die in der Gesellschaft eine hörere Stellung haben (Politiker, Schauspieler usw.) werden auch diese Stimmen weniger.
Aber viele stehen zu ihrer Sexualität und sind der Meinung, wenn andere damit ein Problem haben, interessierte sie das nicht. Sie leben geoutet und haben
damit keine Schwierigkeiten. Ein Kollege schrieb mir mal einen Brief, in dem er mir eine Äußerung einer Arbeitskollegin mitteilte:”Andy, seitdem du dich geoutet hast, lieben dich alle”.
Freunde
So entstanden Bekanntschaften im Internet, mit denen man sich auch über andere Dinge unterhielt. So lernte ich ziemlich bald André
und Christian kennen, die beide in meiner Gefühlsentwicklung eine große Rolle spielten. Christian war 23 und erzählte mir damals schon, dass er “stockschwul” ist und etwas anderes nicht in Frage kommen würde. Ihn benutzte ich oft dazu, mehr über schwules Leben kennenzulernen, indem ich ihn über alles Mögliche ausfragte. Allerdings erzählte er mir auch immer über gescheiterte Beziehungen und Probleme mit seinen Freunden.
André
war damals 17, als ich ihn kennenlernte. Er war mir sofort sympatisch und ich versuchte immer, diese Bekanntschaft nicht abreißen zu lassen. Er war sich damals noch nicht bewusst, was mit seinen Gefühlen passierte. Er mochte Jungs, war aber auch netten Mädels nicht abgeneigt. Er machte wohl damals genau dass durch, was bei mir erst Jahre später einsetzte. Nicht zu wissen, wo man hingehört, ist eine sehr komplizierte Entwicklung, die mancheinen bis hin zu Suizidgedanken führt.
Unsere Freundschaft setzte aber erst so richtig nach ca. 3 Jahren ein. Wir unterhielten und über alles mögliche. Oft waren Probleme dabei, für die man selbst
keine Lösung wusste. Jeder versuchte, für den Anderen da zu sein, wenn er es nötig hatte. So bauten diese manchmal intimen Gespräche eine Vertrauensgrundlage auf, die sich zu unserer Freundschaft entwickelte. Wir
hatten auch sexuell die gleichen Interessen - wir tauschten eine zeitlang gerne Bilder von hübschen, sympatischen, schlanken Jungs oder wir tauschten Internetadressen, wo solche Bilder zu finden waren. Mir wäre es
damals natürlich lieber gewesen, wenn er mehr auf das ältere Semester gestanden hätte, aber leider ging mein Wunsch nicht in Erfüllung.
André lernte ich dann auch persönlich kennen. Auf meinem Weg nach Norddeutschland wählte ich bewusst den Weg, der an seinem Wohnort vorbeiführt. Wir
verabredeten uns zum Essen und hatten ca. 3 Stunden, um unsere virtuellen Eindrücke voneinander zu vertiefen oder zu erneuern. Seit diesem Treffen wussten wir wohl, dass diese Freundschaft bestand hat. Ich lud ihn
auch während des Oktoberfestes zu uns ein. Dabei lernte er auch Hedwig und die Jungs kennen. Sie wussten nichts von seinen Gefühlen, kurz zuvor hatte er auch noch eine Freundin. Wir hatten zusammen ein
schönes Wochenende.
Ich akzeptiere
bis heute, dass es zwischen uns nur eine sehr gute Freundschaft gibt, obwohl ich mich inzwischen auch mal in ihn verliebt habe und wochenlang damit Probleme hatte. Er weiß es, und ich hab mich damit abgefunden. Manchmal kann ich es nicht lassen, ihn etwas “anzumachen” aber das ist mehr spasshalber gedacht und bringt ihn manchmal in Verlegenheit. Dann mache ich mir wieder selbst Vorwürfe und ich bitte ihn, das nicht ernst zu nehmen, weil ich mir über unser Verhältnis bewusst bin, Ich habe manchmal Angst davor, dass er sich von unserer Freundschaft zurückzieht, weil er mich nicht belasten will. Aber gerade das möchte ich nicht, weil ich diese tolle Freundschaft nie mehr missen will.Unser Verhältnis bezeichnen wir als brüderlich, inzwischen treffen wir uns immer, wenn mich der Weg bei ihm vorbeiführt. Das versuche ich natürlich immer so einzurichten, aber leider klappt es nicht immer.
Ein ganz besonderer Freund ist mir auch Aydin geworden. Eines Tages sprach er mich im ICQ an. Seit der Zeit unterhielten wir uns oft. Irgendwann sagte er mir, dass er im Rollstuhl sitzt, und er froh
ist, dass er noch am Leben sei. Er war mit seinem Auto 70 Meter weit abgestürzt. Er hat nach wie vor die Hoffnung, dass er durch entsprechende Behandlungen irgendwann wieder laufen wird. Aydin ist 23 Jahre alt
und ist in Deutschland aufgewachsen und auch hat auch hier die Schule besucht. Er spricht akzentfrei Deutsch. Jetzt lebt er in seiner Heimat, einer Stadt in der Türkei. Unsere Gespräche wurden intensiver und wir
merkten, dass wir viele Gemeinsamkeiten hatten. So entwickelte sich schnell eine ungewöhnliche Freundschaft, die uns beiden heute sehr wichtig ist. Aber unsere Geheimnisse waren in unseren Gedanken verschlossen,
niemand wusste etwas von den besonderen Gefühlen des anderen.
Worüber unsere Unterhaltung ging, weiß ich nicht mehr so genau. Mir fiel bei ihm auf, dass er ständig so herzlich sein konnte und immer freundlich. In mein
Gästebuch endete sein Eintrag mit “in Liebe, Aydin”. Ich fragte ihn, warum er das geschrieben hatte, und er sagte, das ist in seinem Land so üblich, wenn man jemanden gern mag. Aber sein ganzes Verhalten gab mir
Rätsel auf. Ich redete um den heißen Brei rum, weil ich mich nicht traute, ihn direkt zu fragen. Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, wie er reagieren würde. Er deutete mein Reden in die richtige Richtung und es
kam die Frage: “Meinst du vielleicht, ich bin schwul?” Jetzt war es raus - das war es, was ich wissen wollte, aber er gab mir keine Antwort darauf. Ich fing an, mich bei ihm zu entschuldigen, um ihn nicht als
Freund zu verlieren. Unser Gespräch war dann auch beendet, aber wohl nur, weil es schon spät war. Er wollte mir mir am nächtsten Tag darüber reden.
Ich hatte Angst, dass ich ihn nie wieder sehen würde, die Gespräche mit ihm haben mir sehr viel bedeutet, ich wollte ihn nicht verlieren - nicht wegen so
einer blöden Frage. Ich setzte mich hin und schrieb ihm eine Mail, in der ich ihm bei ihm entschuldigte, ihm sagte, dass ich unsere Freundschaft nicht aufgeben möchte und erzählte ihm meine Gefühle für junge Männer.
Jetzt war es ja sowieschon egal, und ich war gespannt, wie er reagieren würde. Aber am nächsten Tag erzählte er mir von seinen Gefühlen. Er fühlte sich zu Männern hingezogen, die schon etwas reifer waren. Mir fiel
ein Stein vom Herzen - nicht, weil ich froh war, dass er schwul ist, sondern dass wir unsere Freundschaft weiter vertiefen konnten. Wir konnten nun über unsere geheimsten Probleme reden. Wir teilten virtuelle
Zärtlichkeiten aus und redeten ohne Scheu über unsere Träume, was wir beim Sex gerne erleben würden und wie wohl unser erstes Treffen aussehen wird.
Allerdings hat Aydin sich dann später entschlossen, seine Gefühle zu unterdrücken. Er sagte mir einmal sehr klar, dass es keinen Sex zwischen uns geben
wird, und er hätte auch aufgehört, seine Gefühle im Internet auszuleben. Unsere Freundschaft aber, die ist bis heute ziemlich einmalig. Wir haben schon vermutet, dass wir irgendwie seelenverwandt sind. Ich
wünsche ihm, dass er mit dieser Einstellung seinen Gefühlen gegenüber nie Probleme bekommt. Dann wird es irgendwann mal um so schlimmer....
Ich werde diesen Teil hier abschließen, weil ich zwar noch einige andere Bekannte kennengelernt habe, aber die Freunde, die ich hier genannt habe, haben
meine Entwicklung auf die andere Seite miterelebt und haben immer versucht, für mich da zu sein, wenn ich ich wieder am Boden zerstört war. Und dafür sag ich euch ganz herzlich ein Dankeschön’!
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