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Die Partnerin erzählt

Meine Name ist Hedwig, ich bin 41 Jahre alt und die Lebensgefährtin von Wolfgang.

Ich hatte einen Traum wie ihn jede Frau hat. Ich wünschte mir ein Leben mit Wolfgang. Ich träumte von Hochzeit und Glück bis zum Lebensende. Aber, ich habe durch meine Neugier das bisherige Leben von Wolfgang und mir in Frage gestellt, meine Träume und Wünsche zerstört.

 Es begann am 5.3.2001

Wolfgang war weg und ging seinem Nebenverdienst nach.

Eigentlich wollte ich nur seine Homepage anschauen und klickte auch auf die Gästeliste. Ich hab natürlich die Einträge gelesen und fand den Eintrag von Aydin an dessen Schluß stand:
In Liebe Aydin.

Das machte mich neugierig und da Wolfgang vergessen hatte sein ICQ auszuschalten, hab ich gleich in der History von ihm und Aydin nachgelesen. Ich war geschockt. Für mich brach eine Welt zusammen. Hätte ich es nur nicht getan, sondern für meine Klausur am nächsten Tag gelernt. Ich las dann auch noch einige andere History`s und wurde immer niedergeschlagener.

Meine Gedanken liefen unkoordiniert durch meinen Kopf. Fragen über Fragen tauchten auf:

Hat er mich die ganzen Jahre nur belogen und betrogen? Hat er mich und meine Kinder nur als Alibi, als Tarnung benutzt? Hat er mich je wirklich geliebt?  Wie geht es weiter? Soll ich ihm sagen, dass ich alles weiß?

Wolfgang hatte den Laptop mitgenommen und in meiner Verzweiflung, Enttäuschung und auch Wut hab ich ihm gleich  geschrieben, dass ich alles weiß.

Ich musste mich nun zwingen für meine Klausur die ja sehr wichtig war zu lernen, was aber total misslang. Wie ich es geschafft habe trotzdem eine gute Note zu bekommen weiß ich nicht. Meine Gedanken waren die ganze Zeit bei Wolfgang und dem Gelesenen.

Als Wolfgang nach Hause kam, war ich natürlich total verheult und dachte: Welche Lügen wird er mir jetzt erzählen. Ich hatte Angst davor.

Wolfgang war genauso verheult wie ich und ich hätte ihn am liebsten in die Arme genommen und getröstet, aber ich tat es nicht. Ich saß da und wartete. Wir heulten beide, reden konnte keiner und wir einigten uns darauf am nächsten Tag darüber zu reden.

Geredet haben wir erst viel später.

 

Wolfgang erzählte natürlich seinen Freunden, von denen auch mir ein paar sehr liebe Freunde geworden sind, dass ich alles wüsste. Diese Freunde sprachen mich dann auch auf das Thema an und wollten auch mir helfen. Sie sagten, ich solle ihn nicht verurteilen oder ihn verlassen. Ich soll zu ihm halten und ihn verstehen und ihm helfen. Alle sprachen davon, dass ich ihm helfen soll, aber was ist mit mir? Mir hat niemand geholfen. Ich konnte auch mit niemandem über meine Gefühle reden. Das liegt aber nicht an den Freunden, sondern an mir. Ein Freund riet mir sogar, dass ich spezielle Hilfe suchen soll, aber das konnte ich erst recht nicht. Ich will nicht, dass jemand schlecht über Wolfgang denkt, dazu liebe ich ihn zu sehr. Aydin hat sich von da an im ICQ vor mir versteckt.

 Wolfgang klickt alles weg wenn ich in die Nähe komme. Diese Heimlichkeiten, das vor mir verstecken, das tut so unbeschreiblich weh.

 Meine Tante, mit der ich sonst über alles rede, strich ich aus meiner Liste, da ich weiß, wie sie über Schwule denkt. Meinen Lieblingsbruder mit dem ich auch gut reden kann, strich ich ebenfalls. Er hat zwar keine Vorurteile gegen Schwule ( ich übrigens auch nicht ) aber ich wollte nicht, dass er schlecht über Wolfgang denkt. Das soll niemand. Wer Wolfgang kennt, weiß dass er ein sehr guter Mensch ist und niemanden bewusst verletzen würde.

Mit den Freunden im Chat wollte ich auch nicht reden, da ich Angst hatte sie würden Wolfgang alles gleich brühwarm erzählen.

  

Wolfgang und ich schrieben uns gegenseitig ein paar Briefe, aber persönlich geredet haben wir nicht darüber.

Ich fing an meine Gefühle aufzuschreiben.

So vergingen Wochen, ja Monate in denen Wolfgang und ich nicht über dieses Thema sprachen. Es ging uns beiden immer schlechter.

 Während diesen langen Monaten weinte ich sehr viel und wurde immer depressiver. Ich konnte nicht mehr essen und wenn doch, erbrach ich es wieder. Ich wurde krank und musste zum Arzt. Der Arzt sagte es könne seelische Ursachen haben. Ich bestritt dies natürlich obwohl er ja Recht hatte.

Nachdem es mir immer schlechter ging und ich zum Teil sogar aggressiv und ungerecht meinen Söhnen gegenüber wurde, überwand sich Wolfgang doch mit mir zu reden.

 In dieser Zeit war Wolfgang mit Norbert einmal unterwegs und hatte wieder vergessen das ICQ auszuschalten. Ich las diesmal bewusst in seiner History und erfuhr so, dass er sich in André verliebt hatte und sogar den Wunsch hatte sich eine eigene Wohnung zu nehmen. Ich las auch, dass er Aydin besuchen möchte, dies aber aus Zeitgründen nicht möglich sei.

 Bis dahin war immer die Rede gewesen, dass wir beide zusammen Aydin besuchen würden. Ich dachte: Jetzt ist alles aus, er plant sein Leben schon ohne mich und die Kinder.

Ich las auch, dass er denkt ich würde ihm jetzt in allem Misstrauen. In gewissem Maß hatte er damit auch Recht, aber habe ich nicht das Recht misstrauisch zu sein?

Ich las weiter und erfuhr so, dass er mit Norbert an diesem Abend in ein Schwulenlokal fahren würde. Ausgerechnet Norbert fuhr mit ihm dahin. Norbert, der schon viele Jahre unser bester Freund ist. Norbert dem ich vertraue, mit dem man durch dick und dünn gehen kann. Ich war vollkommen am Ende. Wollte Wolfgang diese Nacht nutzen um sich einen Partner zu suchen? Ich hatte so eine Wut auf Norbert, weil er Wolfgang hilft evtl. Kontakte zu finden. Ich war furchtbar enttäuscht von Norbert, aber im nachhinein denke ich mir, dass er Wolfgang damit ja auch irgendwie helfen wollte und nicht daran gedacht hat, ich könnte es jemals erfahren. Norbert würde mir nie böswillig weh tun. Er ist auch heute noch unser bester Freund.

 

In dieser Nacht dachte ich daran, mir etwas anzutun. Die Jungs schliefen und mir war alles egal. Ich fuhr mit dem Auto los und wollte gegen einen Baum fahren, aber ich war zu feige dazu. Also fuhr ich wieder nachhause und heulte bis Wolfgang nachhause kam. Es war nach 3 Uhr morgens. Ich fauchte ihn dann auch gleich an, was er mir denn noch alles antun würde.

In dieser Nacht hat er endlich ein wenig mit mir darüber geredet.

Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn liebe und auf keinen Fall verlieren möchte, er sich aber entscheiden muss  welches Leben er führen möchte. Entscheidet er sich für mich, so würde ich auf jeden Fall zu ihm halten wie auch in den vergangenen Jahren. Ich habe ihm auch gesagt, dass er dann aufhören muss sich Kontakte zu Schwulen und im Internet nach diversen Seiten zu suchen. Ich möchte ihm auf  keinen Fall Freunde wegnehmen solange unsere Beziehung nicht durch sie gefährdet ist.

Entscheidet er sich gegen mich, dann möchte ich keinen weiteren Kontakt zu ihm haben da ich das nicht verkraften könnte.

 

Die Entscheidung ließ sehr lange auf sich warten.

André, ( nicht der in den er sich verliebt hatte ) und Marc halfen mir in dieser Zeit sehr, in dem sie mit mir darüber sprachen und versuchten mir zu erklären in welcher Gefühlsmühle sich Wolfgang befand. Sie gaben mir den Mut nicht aufzugeben und die Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Besonders André versteht es immer wieder, dass ich ihm einen Teil meiner Gedanken oder Gefühle verrate.  Ich bin den beiden sehr dankbar dafür.

 

Wolfgang fuhr dann im Oktober für eine Woche zu seiner Mutter und ich wollte danach eine Entscheidung von ihm haben. Sollte er keine Entscheidung treffen, so müsste ich das tun.

Bei der Wahl seiner Entscheidung, wollte und konnte ich ihm nicht helfen. Die musste er selbst treffen.

Nach einer Woche kam er zurück und hatte natürlich keine Entscheidung getroffen. Ich sagte ihm, dass es so nicht weitergehen kann und er sich schnellstmöglich entscheiden muss.

Ein paar Tage später zeigte er mir im Internet ein paar Gedichte die ein Junge geschrieben hatte. Ich sagt ihm dann, dass zwei davon von mir sein könnten. Er fragte welche es denn seien. Das eine hieß: Die Maske. Darin geht es um die Gefühle die man versteckt wenn man außer Haus geht oder keinem zeigen möchte wie es in einem aussieht.

Das zweite Gedicht war ein ähnliches.

 

Als Wolfgang die Gedichte gelesen hatte, nahm er mich in den Arm, fing zu weinen an und sagte, dass er bei mir bleiben möchte. Das war für mich wie Weihnachten , Ostern und Geburtstag an einem Tag. Etwas Schöneres hätte er mir nicht sagen können.

 

Er hat mir auch gesagt, dass André ihm den Kopf gewaschen hat und ihm maßgeblich bei seiner Entscheidung geholfen hat. André dafür „Knuuuuuudel“ ich dich sehr. Ich hoffe, ich lerne dich einmal persönlich kennen.

Meine Liebe zu Wolfgang, hat unter dieser Geschichte keinen Moment gelitten, im Gegenteil,  ich liebe ihn noch mehr jetzt da ich alles weiß.

Meine / unsere Kinder und auch die Verwandten  wissen von dieser Geschichte nichts und sie sollen es auch niemals erfahren.

Wolfgang klickt immer noch manches weg, wenn ich in die Nähe komme. Das tut zwar immer noch weh, aber ich vertraue ihm.

 

Wolfgang: Ich liebe dich und werde immer zu dir halten.

geschrieben im Januar 2002

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